»Im Jahr 1546 wurde ich von der Stadt Aix-en-provence angestellt, um im Auftrag des Senats und der Bevölkerung den Ort vor der Pest zu retten Sie wütete schrecklich und entsetzlich Im Mai des Vorjahres war sie ausgebrochen und sollte insgesamt neun Monate lang dauern Die Leute starben, wie man es noch nie erlebt hatte, während des Essens und Trinkens. Die Friedhofe waren derart mit Leichenüberfüllt, dass sich bald kein Platz mehr finden ließ, um die Toten in geweihter Erde beizusetzen. Die meisten Kranken fielen am zweiten Tag in Wahnsinn und Raserei. Diese bekamen keine Beulen. Bei anderen dagegen zeigten sich die Pestbeulen. Sie starben ziemlich rasch, manchmal während sie noch redeten, ohne dabei die Lippen zu bewegen. Unmittelbar nach ihrem Tod war ihr ganzer Körper mit schwarzen Beulen bedeckt. Die anderen, die im Wahnsinn starben, besaßen einen Urin, der aussah wie Weißwein. Nach ihrem Tod war die Hälfte ihres Körpers so blau wie der Himmel.
Das gestockte Blut hatte sich unter der Haut angesammelt. Der Kontakt mit den Kranken war so gefährlich, daß jeder, der sich ihnen auf fünf Schritte näherte, krank wurde.
Mehrere von ihnen hatten auf der Brust und auf dem Rücken und an den Beinen den Brand Die Haut war schwarz wie Kohle, jene, die das am Rücken hatten, wurden von einem schlimmen Jucken gequält. Die meisten von ihnen besaßen allerdings eineÜberlebenschance. Alle aber, die den Brand auf der Brust hatten, kamen ums Leben.
Ein paar Patienten hatten die Krankheitszeichen zunächst hinter den Ohren Sie lebten noch sechs Tage lang. Ich habe beobachtet, dass sie sehr viel häufiger am sechsten als am siebten Tag starben.
Anfänglichüberlebte kaum einer die Seuche. Bei den Gezeichneten zeigten weder Herzmedikamente noch Gebete die geringste Wirkung. Die >Ernte der Menschheit< im wahrsten Sinn des Wortes fand statt. Der Sturm der Krankheit war so entflammt, dass es kaum ein Entrinnen gab.
Die Behörden nahmen die ganze Stadt in Augenschein und ließen die Pestkranken hinauswerfen. Aber am nächsten Tag fand man mehr Kranke als zuvor. Es gab kein Mittel, das der Pest wirkungsvoller vorgebeugt hatte als meine Methode. Alle, die mein Mittel bei sich hatten und es kauten, blieben verschont. Gegen Ende der Epidemie ließ sich dann auch in einem Experiment bestätigen, dass dieses Mittel tatsächlich vor der Ansteckung bewahrt. Obwohl es eigentlich nicht hier hergehört, wollte ich es in diesem Zusammenhang doch erwähnen, um anzudeuten, welche Hilfe uns während der Pestepidemie zuteil wurde.
Die Pest war so bösartig und so entsetzlich, dass man dann eine Strafe Gottes sehen musste. Denn in der unmittelbaren Umgebung von Aix-en-provence gab es Orte ohne einen einzigen kranken Menschen. Die ganze Stadt war jedoch so verseucht, dass allein schon der Anblick eines Angesteckten genügte, um selbst infiziert zu werden. Lebensmittel gab es in Überfülle und in Vielfalt beinahe zu Spottpreisen. Doch der Tod kam so plötzlich und so galoppierend daher, daß der Vater mehrerer Kinder es kaum wahrnahm, wenn wieder eines von ihnen dahingerafft war. Manch einer hat Frau und Kinder im Stich gelassen, um alsbald feststellen zu müssen, daß er selbst mit der Krankheit geschlagen war. Viele jener Pestkranken, die sich wie Wahnsinnige gebärdeten, stürzten sich in den Brunnen. Andere sprangen aus dem Fenster in die Tiefe auf das Straßenpflaster, wieder andere, die den Brand auf der Brust hatten, bekamen Nasenbluten, das über Tag und Nacht heftig andauerte, bis sie starben. Schwangere Frauen verloren ihr Kind vorzeitig und starben am vierten Tag danach fand man ein plötzlich verstorbenes Kind, dann war der kleine Körper über und über violett, als hatte sich das ganze Blut in der Haut verteilt.
Um es kurz zu machen - die Verzweiflung war so groß, dass man häufig mit Gold und Silber in den Händen starb, ohne noch einen Schluck Wasser dafür bekommen zu haben. Als ich damit anfing, den Kranken Medikamente zu verordnen, brachte man sie zu mir, in einem so erbärmlichen Zustand, dass viele noch mit dem Medikament im Mund starben.
Unter den unvergesslichen Begebenheiten, die ich erlebte, blieb eine besonders in meiner Erinnerung: Eines Tages ging ich zu einer Frau. Ich rief durchs Fenster nach ihr, und sie wiederholte, was ich ihr gesagt hatte. Als sie vom Fenster zurücktrat, bedeckte sie sich selbst mit dem Leichentuch, wobei sie bei den Füßen begann. Als die >Alarbres< in das Haus traten, so nannte man in unserer provencalischen Sprache die Männer, die alle Toten wegtrugen und begruben, fanden sie die Frau tot neben ihrer Schwester mitten Haus liegen Sie hatte sich gerade noch bis zur Hälfte zudecken können. Es war in der Tat ein schwieriges Amt für den Arzt «